Die Papiere des PentAgrion - 2.2 Von den Socken

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Folge 2.1 - Die Macht der Jacke - hier

An der Ampel vor dem Nordhafen, wo der Weg auf die andere Seite des Mittellandkanals wechselt, wo rot auf weiß ein Pfeil mit einem stilisierten Fahrrad darunter nach rechts Richtung Brücke weist, eines der kleinen quadratischen Schilder, an denen ich mich bei meinen Fahrten zu orientieren pflege, dort wartet mit mir wie zufällig ein Fußgänger. Der gut gekleidete junge Mann so Mitte 30 hat ein Mobiltelefon am Ohr.

Vom morgendlichen Anziehen der Socken bis zum Abend, wenn sie wieder ausgezogen werden, summieren sich die Ereignisse auf eine Weise, dass bestimmte Menschen sich wie zufällig begegnen. Da nun aber alle Ereignisse im Leben dieser Menschen hinsichtlich Zeitablauf und Bewegung im Raum genau zu berechnen wären, ist’s natürlich überhaupt kein Zufall, dass der junge Mann und ich gemeinsam an der Ampel warten. Er schaut lächelnd in die Ferne wie zu seinem Gesprächspartner hin, den er wohl irgendwo weit weg im Norden vermutet, weshalb er laut hineinspricht in sein Mobiltelefon: „Also. Das Haus hat in den 60ern meine Mutter mit ihrem Vater gebaut. Aber es gehörte auch zu Teilen meiner Oma. Es wurde dann in den 80ern umgebaut, vielmehr kam ein Anbau daran und …“

Die Ampel springt auf Grün, und unsere Wege trennen sich wieder. Jetzt werde ich im Leben nicht erfahren, was es mit dem Haus seiner Mutter, ihres Vaters und der Oma auf sich hat und wieso er den Vater seiner Mutter nicht seinen Opa nennt, sein Vater aber sich am Hausbau nicht beteiligt hat, sondern die Sache dem Vater der Kindsmutter überließ. Hat er sich etwa nach der Zeugung einfach davon gemacht? Ist er vielleicht abgehauen in die Fremdenlegion oder hat als Matrose auf einem Lastkahn angeheuert, fuhr mir nichts dir nichts den Mittellandkanal hinauf, hakte schon das dicke Tau um die Ankerhaken tief unten im Flutbecken der Schleuse Anderten und stabilisierte Haken um Haken den Bug des auftreibenden Schiffes, derweil die junge Mutter zum ersten Mal die Söckchen über die Patschefüßchen des heute lachenden Erben zog?

Gut, ich will nicht beklagen, dass ich nicht genug erführe von den Geschehnissen der Welt. Manches zumindest darf ich wie zufällig erfahren, als ein Ergebnis von zu bestimmten Zeiten angezogenen Socken. Nur wenig später wird ein Mann mir seine Lebensgeschichte erzählen. Er wird leerlaufen wie ein angestochenes Fass, auch sein Portemonnaie aufklappen und die Fotos seiner Enkel zeigen nebst einer Ehrenkarte für den Saupark in Springe. Die aber sieht unter der hellen Sonne schon ziemlich schmuddelig aus. Anderes bleibt mir verborgen, ist mir nur für kurze Zeit zugänglich gewesen, als ich in den Papieren des PentAgrion lesen konnte. Und seither habe ich diese verfluchte Grütze im Kopf, weshalb ich mich habe erden und nicht nur vom Internet, sondern auch von den etablierten Schmockmedien habe fernhalten müssen.

Man kann also am Nordhafen nicht vorbei. Auf der inneren, der Stadt zugewandten Seite, drängt sich das Gelände von Volkswagen bis an den Kanal. Selbst von der anderen Seite des Mittelandkanals lässt sich das Volkswagengelände nicht einsehen. Auf seiner Höhe schwingt der Weg vom Kanal weg in den Wald hinein und später führt er hinter einem überwucherten mächtigen Erdwall vorbei, den zu ersteigen ein Zaun verhindert.

Bevor der Weg vom Kanal in den Wald eintaucht, umrundet er eine kleine Bucht. Dahinter erhebt sich prächtiges Grün. Um die Bucht sind einige Sitzbänke verteilt. Die sind allesamt besetzt, vielmehr, die zentrale Bank ist belegt. Da räkelt sich ein Weib im roten Bikini in der Sonne, ohne den Vorbeikommenden einen Blick zu schenken, wohl aber offenbar wünschend, dass man sie beachtet und betrachtet, wegen ihrer Schönheit beneidet oder bewundert. Ich beneide sie um die Bank und ignoriere sie, fahre vorbei und wähle die Bank am Ende der Bucht. Sie ist von großen Büschen beschattet, hat einen Zwilling gegenüber und dazwischen steht ein Tisch, so lang wie die Bänke selbst. Von hier ist das Bikinimädchen kaum noch zu erkennen, weshalb ich in Ruhe einen ausgedruckten Text lesen kann und gelegentlich etwas unterstreichen. Ab und zu tuckert ein Lastschiff vorbei, über mir zwitschert und tschilpt es im Busch, da bin ich beinah eins mit mir und froh, keinen Bikini zu tragen und mich lasziv in der Hitze räkeln zu müssen. Irgendwann knirschen Schritte auf dem Weg, aber als sie schon fast vorbei sind, werden sie wieder lauter. Ein braungebrannter Mann Anfang 60 tritt näher. Er trägt in jeder Hand einen Fahrradreifen und schickt sich an, die freie Bank gegenüber zu besetzen. Die Fahrradreifen hängt er sorgsam um das Ende der Lehne. Ich sage: „Fehlt Ihnen jetzt nur noch das Fahrrad dazu, aber eins ohne Mäntel.“

Er lacht und sagt: „Ja, die habe ich eben im Baumarkt gekauft. Ich will das Bad renovieren, und da habe ich die Mäntel gleich mitgenommen, denn ich komme ja aus Springe, und wenn ich schon einmal hier bin.“ Er habe eigentlich da sitzen wollen, wo die im Bikini sich breit mache. Das Bad gehöre seiner Tochter und dem Schwiegersohn. Derzeit wären sie zum Urlaub unten in Spanien, und da könnte er die Abwesenheit nutzen und das Bad neu machen. Er habe den beiden die Eigentumswohnung überlassen, wohne ja selbst im eigenen Haus. Sein Auto habe er ihnen auch gegeben, die Versicherung würde er aber noch bezahlen.

Ich erfuhr, dass er bei VW malocht habe, aber sein Herz nicht mehr hat mitmachen wollen, weshalb man ihn vorne ganz aufgemacht hätte, dass in der Folge seine Frau ihn verlassen habe, jetzt aber gar nicht glücklich sei mit ihrem neuen Mann. Das wäre aber wirklich ihr eigenes Problem, wer einen kranken Mann verlasse, habe es nicht anders verdient. Ihm hingegen ginge es prima, was auch sein Arzt ihm bestätigt hätte, wodurch es quasi amtlich wurde.

Das Herz hatte ihn offenbar zur Besinnung bringen müssen. Sich rechtzeitig den Zwängen zu entziehen, ist eine Kunst. Ich muss an den ersten deutschen Stuntman denken. Der hieß Arnim Dahl und hat mal einen Handstand gemacht in New York auf dem Geländer des Empire State Building. Im Laufe seiner Karriere erlitt er über einhundert Knochenbrüche. Als Dahl sich mit 70 Jahren endlich zur Ruhe setzte, sagte er im Interview: „Jetzt werde ich mein Leben genießen!“, ist dann aber bald gestorben. Offenbar ist der Genuss nicht jedem erlaubt, anders als Jeremias Coster, dem wundersamen Professor der Pataphysik an der RWTH Aachen.

Er sei, fährt der muntere Mann fort, schon ewig Mitglied im Spielmannszug von Springe, und wenn man sich träfe, würde nicht nur ordentlich gesoffen. „Wir spielen auch noch so richtig die alten Märsche, ‚In Treue fest’, Riga’ und ‚Preußens Gloria’“ Der Nachwuchs, das junge Volk spiele ja nur Kinderkram, ‚Biene Maja’ oder ‚Heidi’ und so was. Das beruhigt mich. Auch das krachend Martialische wird offenbar irgendwann albern. Alles Hehre, alles eitle Herumgestelze strebt also unvermeidlich dem kindischen, kalbsköpfig Blöden zu.

Ich packe meinen Kram zusammen. Da zeigt er mir noch rasch die Fotos seiner Enkel und den Ehrenausweis aus dem Wildsaupark in Springe, wischt dann aber ein bisschen beschämt drüber, weil der so schmuddelig ist. Die Sonne bringt es an den Tag. Er reicht mir die Hand zum Abschied und sagt: „Vielleicht sehen wir uns noch mal wieder.“ Und ich denke, ja, vielleicht fahre ich mal in den Deister und nach Springe, aber niemals wird man mich im Saupark antreffen. Wenn einem nämlich die Wildschweine derart die Sachen verdrecken. Ich hätte da auch gar nichts verloren in der Einfriedung hinter einer beinah 17 Kilometer langen und zwei Meter hohen Mauer, wo man das eingesperrte Wild vor die Flinten von Politikern und Vorstandsvorsitzenden treibt.

Den Rückweg nehme ich durch Hainholz und Herrenhausen, und wie ich in die lange Allee des Georgengartens einbiege, fährt vor mir eine Frau im tibetisch-roten T-Shirt. Da durchfährt es mich, ein wenig vor Freude, aber es zieht auch in meinen Magen hinab. Nach wenigen Tritten bin ich mit meiner Briefträgerin gleichauf.

„Da sind Sie ja endlich!“, sagt sie. "Ich habe Sie schon erwartet, nachdem Sie mich eben ignoriert haben."
„Mir ist nicht bewusst, Sie ignoriert zu haben. Das wüsste ich ja nur, wenn ich es nicht getan hätte. Und wie können Sie mich erwartet haben, Gina Enport oder Egport oder wie immer Sie heißen? Nicht einmal ich konnte wissen, wann ich mich wo befinden würde bei so einer Fahrt ins Blaue, in die mich meine neue Jacke getrieben hat.“
„Ach, das ist leicht gewesen, letztlich nur die Summe von beobachtbaren Abläufen.“
„Kommen Sie mir nicht so. Das ist meine Theorie. Und warum klingeln Sie eigentlich nicht mehr bei mir, sondern stecken mir die Post still und heimlich in den Kasten, allesamt Briefe, die ich nicht haben will. Lang-DIN! Wenn ich Lang-DIN sehe, weiß ich sogleich, das ist Dreck, Amtliches, Firmenpost oder Werbung, worin man sich ranwanzt an mich, weil man glaubt, meine Bedürfnisse zu kennen und ich frage mich woher eigentlich?“
„Es ist nicht meine Sache zu entscheiden, welche Post Ihnen zugedacht ist“, sagt sie und zieht eine Schnute. „Ich hätte mir eine andere Begrüßung von Ihnen erwartet, wenigstens ein freudiges Hallo, wie geht es Ihnen, liebe Gina? Stattdessen jammern Sie mir die Ohren voll, fahren auch viel zu schnell. Wollen Sie mich abhängen?“
„Alle hier in Hannover fahren auf Abhängen, immer voll am Anschlag. Einen Augenblick versinkt man in Gedanken, lässt einen Tritt aus, schon saust einer vorbei und zeigt dir das Hinterrad, und darauf steht in Laufschrift: „Ich bin schneller als du lahmer Hund!“


Vom Wilhelm-Busch-Museum her kommen zwei Radfahrer, nehmen meiner Briefträgerin die Vorfahrt und biegen ein in Richtung Dornröschenbrücke. Ich gehe raus nach links, um die beiden durchzulassen und auf meine Briefträgerin zu warten. Da raunzt mich der Äußere an: „Ja, was jetzt, geradeaus oder nicht?!“ Der sieht aus wie ein Nerd, der grad zum ersten Mal seit Monaten hinter seinem Computer hervor gekrochen ist. Ich sage: „Fahr du geradeaus, dann hast du genug zu tun!“

Hinter mir höre ich meine Postbotin noch lachen, doch wie ich mich umdrehe, ist sie weg.

Folge 2.3: Realer Ruch des Blutes
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Die Papiere des PentAgrion - 2.1 Die Macht der Jacke

Papiere des PentAgrion bd 2Schalt das Radio ein. Musik: Martin Kratochwil



Kennst du das? Du denkst, du bist einem Alptraum entronnen, hörst im jungen Morgen die Vöglein zwitschern und willst gerade erleichtert aufseufzen, aber du bist nur erwacht, der Alptraum ist noch da, hat nur ein bisschen aus der Wachwelt in deine Traumwelt geragt, der Hund. Der Briefkasten gähnt mich an, das E-Mail-Programm ist bei Keine neuen Nachrichten auf dem Server eingefroren, uff, ich glaube, ich bin versehentlich aus der Welt gerutscht und hänge in einer Zeitschleife.

"Fahr mich doch ein bisschen spazieren!", sagt meine neue Jacke. Da streife ich die Jacke über, verlasse die Wohnung, hole mein Fahrrad aus dem Hof und fahre los. Es ist wärmer als ich gedacht habe, aber es kühlt ein kräftiger Wind, so dass die Jacke mir durchaus angemessen scheint. Sie lässt mich auch keine kleine Runde fahren, sondern treibt mich immer weiter ostwärts durch Hannovers Straßen.

Wer jetzt denkt, ich hätte vielleicht eine kleine oder sogar ausgewachsene Meise, weil ich mich von einer neuen Jacke quer durch Hannover scheuchen lasse, mir egal. Sind überhaupt meistens Dinge, die unser Handeln bestimmen. Einmal sah ich auf dem Aachener Münsterplatz einen Mann, der trug unter der Nase einen mordsmäßigen Schnurrbart, dessen Enden zum Kreis gezwirbelt waren. Der Schnurrbartbesitzer ging seltsam nach vorn gebeugt. Sein Schnurrbart hatte ihm bestimmt auch gesagt: "Trag mich mal ein bisschen spazieren, aber da, wo viele Leute sind, die mich sehen können." Da ist der Mann folgsam losgelaufen, aber wie zum Hohn hat sich der undankbare Schnäuzer extra schwer gemacht.

Verdammt, verdammter Mist! Immerzu quält mich der Gedanke, ich dürfte das Gebot der Kürze nicht vernachlässigen. Dann streiche und streiche ich, aber mit Verlaub, das ist doch kein flüssiges Erzählen, nicht mal ein ordentliches Berichten, wenn ich beinah alles wieder streiche, was ich gerade geschrieben habe. Wie kann ich mir Klarheit verschaffen, warum ich über ein halbes Jahr nichts habe schreiben können, nachdem ich die Arbeit an den Papieren des PentAgrion beendet hatte. Und habe ich nicht sowieso alle Zeit der Welt?

Als ich merke, dass ich unter meiner neuen Jacke schwitze, ist es schon zu spät. Und bis ich mich entschlossen habe abzusteigen und die Jacke in den Rucksack zu stecken, ist mein Hemdrücken klatschnass. Ich habe viel zu lange nach einem Platz gesucht, wo ich anhalten könnte, mich neu zu regeln und vielleicht einen Moment sitzen könnte, um eine zu rauchen, und jetzt sehe ich da vorn schon den Mittellandkanal, vielmehr eine Brücke, die hinüber führt. Hab gar keine rechte Ahnung, wo ich mich überhaupt befinde.

Eine Bank überm Kanal, direkt neben der Brücke. Wie ich da sitze, habe ich ein filigranes Aluminiumgitter vor Augen, dessen Verstrebungen Rauten bilden. Wenn ich die Augen locker lassen, überschneiden sich die nebeneinander liegenden Rauten, und dann entsteht eine neue, eigene Räumlichkeit. Das sieht aus, als würden die Gitterstreben quer überm Wasser des Mittellandkanals liegen.

Da rauscht unter der Brücke ein Lastschiff hervor. "Tremonia" steht am Bug. "Tremonia" kommt wie gerufen, denn ich habe mit mir ausgemacht, so lange überm Kanal zu sitzen, bis ein Schiff herankommt. Ich steige aufs Rad, überquere die Straße und sause zum Kanalufer hinunter. Die Fahrt soll jetzt nicht mehr langsamer werden. Ich rase, dass der Split unter den Reifen nur so wegspritzt, jage am Mittellandkanal nordwärts, als hätte ich eine wichtige Verabredung, irgendwo im Norden Hannovers. Doch die habe ich nicht. Ich will den Alptraum hinter mir lassen, der mich gefangen hält. Ist mir egal, ob du mitkommst. Wenn du überhaupt dabeisein willst, wirst du schon lesen müssen, was zuvor geschah, im letzten Jahr nämlich, als ich die Papiere des PentAgrion entdeckt hatte. Die Müh kann ich dir nicht abnehmen. Ist eine Sorte Training, damit du mithalten oder wenigsten an meinem Hinterrad bleiben kannst. Da kann ich dir gar nicht helfen, hab auch nicht die geringste Lust dazu. Habe ich dich nicht lang genug bei den Ohren genommen? Willst du endlich auf Augenhöhe kommen?

Abgelegt unter: PentAgrion

Folge 2: Von den Socken
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The Bear That Wasn’t auf großer Fahrt - unrasiert

Während in der Fußballwelt die Vuvuzelas tröten, ist woanders ein leiser Bär los. Im Oktober letzten Jahres, als die anderen Bären in ihre Höhlen krochen, um ihren Winterschlaf zu halten, startete vom belgischen Leuven aus ein musikalischer Bär sein 365-Tage-Projekt. Er packte seine Gitarre ein, setzte sich aufs Fahrrad und begab sich auf eine abenteuerliche Reise. Jeden Abend klopfte der Bär an einer anderen Haustür und bat um ein Nachtlager und Verpflegung. Natürlich wollte der fahrende Bär nichts einfach so geschenkt. Als Gegenleistung für die freundliche Aufnahme erhellte er die Stuben seiner Gastgeber mit zarter Hausmusik.

Der 23-jährige Nils Verresen aus dem flämischen Genk ist „The Bear That Wasn’t“. Nachdem er Belgien durchstreift hatte, verließ er im Mai sein Heimatland und zog durch die Niederlande und Deutschland hoch nach Dänemark. Derzeit ist er in England unterwegs. Seine Wanderroute lässt sich im Internet verfolgen, wo auch alle seine Gastgeber aufgelistet sind.

Der Name „The Bear That Wasn’t“ geht zurück auf ein Kinderbuch von Frank Tashlin aus dem Jahr 1946. Im Buch erwacht der Bär aus seinem Winterschlaf und findet sich in einem Industriegebiet wieder. Sogleich will man ihn zum Arbeiten zwingen, worauf der Bär erwidert: „Aber ich bin kein Mensch, ich bin ein Bär!“ Das wollen die Chefs aber nicht gelten lassen, sondern verlangen, dass der Bär sich rasiert. Und sie stellen ihn vor die Wahl: Arbeiten oder Zoo ...

Zum Glück verweigert sich der Bär diesmal den rüden Anforderungen der Industriegesellschaft. Holen Sie ihn zu sich nach Hause, das lohnt sich:

CD anhören: Hier
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Uwe Seeler spielt die Tanzmusik der Apokalypse

Bitte richten Sie die Vuvuzela nach oben!

„Ich war geschockt darüber, wie wenige sich hier eingefunden haben“, sagt der junge Mann auf der improvisierten Bühne ins Mikrophon. Er steht auf einem Kleinlaster, dessen Plane zu dem verlorenen Häufchen Demonstranten hochgeschlagen ist. Auch müssten bessere Slogans her. In der Tat sind die Transparente ziemlich unfertig vollgeschmiert. Da ist kaum zu erkennen, worum es überhaupt geht, nämlich um eine Demonstration gegen die Bildungsmisere an deutschen Hochschulen. Der Redner gibt sich redliche Mühe, versucht auch die Passanten anzusprechen, die an diesem Samstagmittag die Georgstraße entlanglaufen, eine der Fußgängerzonen im Zentrum von Hannover. Schließlich ginge es nicht nur um die heutigen Studenten, sondern auch um die Zukunft ihrer Kinder. Und das beträfe alle, auch die Polizisten.

Eine halbe Hundertschaft rundum, überwiegend junge Polizeikräfte folgen gelangweilt dem Geschehen. Pro Demonstrant ein Polizist, das ist eine luxuriöse Fürsorge, eine müßige Angelegenheit obendrein, denn etwas zu regeln gibt es nicht. Da ist nicht einmal eine Vuvuzela zu hören. Die Passanten eilen trotzdem vorbei, denn ab und zu fallen Regentropfen aus dem düsteren Himmel. Ja, wenn hier Lena auf dem Kleinlaster stünde, dann sähe die Sache anders aus. Dann hätte man sich schon zwei Stunden vorher eingefunden, um einen guten Platz zu ergattern und der Regen, - ach, sind nur ein paar Tropfen. Selbstverständlich würde die Polizei sich zurückhalten, stünde irgendwo versteckt in einer Seitenstraße, um die gute Laune nicht zu gefährden. Sobald aber ein Demonstrant ein armseliges Pappschild hochhält, steht schon sein persönlicher Polizist nahebei. Was ist bloß los in diesem Land? Warum baut die Staatsmacht selbst bei mauskleinen Protesten eine derartige Drohkulisse auf, so dass ein unbefangener Passant denken muss, da geschehe etwas Illegales, wovon man sich besser eilig entfernt? Man sollte meinen, das gibt es nur in China, wo öffentliche Bekundungen erst gar nicht erlaubt sind und nötigenfalls brutal verhindert werden.

Das ist gespenstisch; es zeigt eine demokratische Gesellschaft auf Talfahrt. Die meisten leisten keinerlei Gegenwehr, rennen lieber zu jedem Spaßevent hin, saufen sich den Kopf zu und machen Party, hängen fadenscheinige Deutschlandlappen aus den Fenstern ihrer verrottenden Buden, und hat ihnen die Bank noch ein Auto zugestanden, dann klemmen sie diese elenden Plastik-Fähnchen ran, die nicht mal zum Arschwisch taugen, brüllen: „Tschland! Tschland!“ und „Isch liebe deutsche Land!“ Warum? Bietet ihnen dieses Land eine sichere Perspektive? Interessieren sich die gesellschaftlichen Eliten einen Deut für ihre erbärmlichen Schicksale? Im Gegenteil. Die Eliten betreiben lustvoll die Ausplünderung des Volksvermögens. Welchen Grund hat die verarmende Bevölkerung zu jubeln? Elf Millionäre spielen Fußball in Südafrika, und die vereinten Schmockmedien trommeln die Marginalie hoch zum Nationalereignis. Wenn die WM vorbei und vergessen ist, werden viele nicht nur ein paar Regentropfen abkriegen, es wird alternativlose Entscheidungen hageln wie Sau. Dann wird den meisten das Fahnenschwenken vergehen. Das enervierende Getröte der Vuvuzelas wird ihnen vorkommen wie die Tanzmusik der Apokalypse. Und "verdammte Axt!" die Vuvuzela-Ohrstöpsel sind ausverkauft.

TSCHLAND. Ein nationales Ereignis fand statt letzten Samstag am Steintor in Hannover, ein armselig kleiner Studentenprotest gegen die herrschende Unbildung, gegen die verordnete Verblödung eines Volkes. Er war vorzüglich abgeschirmt durch die Polizei.

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Ode an Heinz Rudolf Kunze seine Bank

Heinz Rudolf Kunze seine Bank

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B2-Run - Mit Frau Wulff für Flaschensammler laufen

„Alles, was Spaß macht, fängt mit f an“, sagt der launige Moderator von Radio ffn Niedersachsen beim Warm up zum B2-Lauf um den Maschsee. Dieser bundesweit ausgetragene Firmenlauf fängt aber nicht mit f an, sondern hört damit auf, in Hannover nach sechs Kilometern im AWD-Stadion, „auf dem heiligen Rasen“ (ffn), und auf den wird mancher der gut 3100 Läuferinnen und Läufer in Firmentrikots erleichtert hinsinken und so bald nicht wieder hochkommen. Da sind nicht immer freiwillig angetreten, Dicke und Dünne, Trainierte und Untrainierte, Kurze und Lange, Krumme und Grade und sogar Verletzte mit Bandage um Knie oder Knöchel.

Das größte Kontingent stellt eine Versicherung. Sie bringt 281 Läufer auf die Beine. Aber andere Versicherungen sind auch nicht faul. Da zeigt sich ein dicker Versicherungswasserkopf auf Laufschuhen. Offenbar sind die meisten Deutschen in Versicherungen beschäftigt, drehen sich quasi gegenseitig Verträge an mit hässlichen Klauseln im Kleingedruckten.

Ganz so ist es nicht. Wie der ffn-Moderator versichert, laufen mit: Angestellte von Dax-Unternehmen, Mittelständlern und welche aus Einmannbetrieben. Die von den Einmannbetrieben gehen aber in der Masse beinah unter, soweit sie nicht Flaschen sammeln aus den Abfalltonnen der Uferpromenade und wirklich keine Zeit für den B2-Lauf haben. Denen wird aber demnächst das einfach so durch die Gegend laufen auch möglich sein, wenn nämlich Bettina Wulffs Armeleutestiftung sich ihrer annimmt. Die bekommt von jedem Läufer einen Euro. Da ist auch der Moderator von ffn beruhigt, dass "etwas für Armen in unserem Land getan wird."

Frau Bettina Wulff soll den Startschuss abfeuern. Sie steht auf einer Hebebühne mit einer Handvoll Fotografen und Kameraleute und wird vom ffn-Moderator ein bisschen interviewt. Er nennt sie „die Revolverlady“, die „Firstlady von Niedersachsen und vielleicht auch demnächst die Firstlady von ganz Deutschland“, man wisse es nicht, es stehe ja jeden Tag was anderes in der Zeitung. Ihre Stimme ist ein bisschen fipsig, denn sie hat keinen Resonanzkörper, vielmehr kein Gramm Fett am Leib, wie es sich für die Schirmherrin einer Armeleutestiftung gehört. Sie ist im Laufdress gekommen und wird mitlaufen, nachdem sie den Revolver abgefeuert hat, nicht für ihre Armeleutestiftung, sondern für die Drogeriekette Rossmann.

Rossmann wird wohl zukünftig auch die Feste im Schloss Bellevue sponsern, sollte Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt werden. Falls er es nicht wird und schon Verträge unterschrieben sind, könnte sie zur Not den Gauck heiraten. Oder ist der schon? (Bin gerade zu faul nachzuschauen. Eigentlich will ich aber gar nichts von ihm wissen. Ein Pastor als Bundespräsident, der nicht mal eine Armeleutestiftung hat? Das ist ja glatt, um Atheist zu werden. Ach, das bin ich ja längst.) Entschuldigung, weiter im Text:

Pünktlich um 19:30 Uhr feuert Frau Wulff den Revolver ab, verfehlt aber den ffn-Moderator. Trotzdem drängeln sich die Fotografen heran, und sie muss noch eine halbe Minute den Revolver in den Himmel halten, als hätte sie grad den lieben Gott erschossen. Das wird wohl nichts mit dem Gauck. Dann hilft man ihr von der Hebebühne, sie schlängelt sich durch die Absperrung und reiht sich ein in den hinteren Teil der Läuferschar. Natürlich wird sie den Pulk der Fußlahmen bald hinter sich lassen, schon wegen Rossmann.

Alle Läufer tragen übrigens einen RFID-Chip am Schnürsenkel. Der registriert sie, wenn sie am Start vorbeilaufen und wenn sie im Ziel ankommen. Morgen können sie im Internet nachlesen, welche Zeit sie gelaufen sind, wer vor ihnen war und wen sie hinter sich gelassen haben. Die Personalchefs können das natürlich auch nachlesen. Und dann den einen oder die andere zu sich zitieren und den desolaten Fitnesszustand bemängeln, an dem dringend was getan werden muss, wenn man im Unternehmen noch was werden will. Den hübschesten Slogan sah ich auf den T-Shirts eines Mittelständlers: „Wir überholen auch die dicksten Maschinen.“ Das ist freilich keine Kunst.

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Unendliche Rennerei im 8-Bit-Universum

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Stimme aus einer neuerdings geschätzten Stadt

Manchmal ist es recht hübsch, sich in einigen Dingen ein bisschen vom üblichen Denken, Machen und Tun zu unterscheiden. Da bedient beispielsweise jemand in der Sparkasse die Laufkundschaft, und jeder denkt, ach, der smarte Herr Mobenbach ist immer angemessen gekleidet, hat einen ausgezeichneten Krawattengeschmack und vorzügliche Manieren. Würde man die Kunden fragen, welches wohl Mobenbachs Lieblingstier ist, käme niemand auf die Idee, dass dieser geschniegelte Mann sich privat mit der Erforschung des Nacktmulls beschäftigt, was so ziemlich das hässlichste Tier ist, das die Natur hervorgebracht hat, viel mehr nicht hervorgebracht, sondern glücklicherweise unter der Erde belassen hat.

Ähnlich ging es mir mit Hannover. Alle Welt hat mich gefragt, warum ich aus dem schönen Aachen ausgerechnet nach Hannover gezogen bin, denn diese Stadt wäre doch wohl der Nacktmull unter den Großstädten. Nein, ganz und gar nicht, habe ich immer gesagt, die Stadt hat viele Reize. Dann habe ich mehrmals tief Luft geholt und ausführlich dargelegt, was mir alles an Hannover gefällt. Man hat mir höflich zugehört, aber nichts von allem geglaubt, sondern innerlich den Kopf geschüttelt oder sich überhaupt geschüttelt und mich mit der Schläfenschraube bedacht.

Dem Nacktmull wird das System seiner Gänge und Höhlen wie die beste aller Welten vorkommen. So könnte man doch meinen, dass wenigstens der Hannoveraner seine Stadt für die schönste aller Städte hält. Als etwa Frau Angela Merkel in Aachen den Karlpreis an den Hals bekam und es plötzlich schrecklich zu regnen begann, da rief der damalige Oberbürgermeister Jürgen Linden ins Mikrophon: "Werte gekrönte Häupter, Staatspräsidenten, Wirtschaftskapitäne und geehelichte Büromiezen, wenn es in Aachen regnet, dann ist es der schönste Regen überhaupt!" Es war Hagel.

Ganz anders der typische Hannoveraner. Bei einem Poetry-Slam im hannöverschen "Faust" zum Thema "Hannover" war kein gutes Wort über die Stadt zu hören, wohl aber Hohn und Spott satt, so dass der Moderator Henning Chadde flehentlich an die Vorzüge Hannovers erinnern musste und das Publikum bat, das Hannover-Bashing nicht ganz ernst zu nehmen. Da hätte ich vorgewarnt sein können. Die Beiträge des Teppichhauses erscheinen auch auf dem Sammelblog: Das bloggende Hannover. Stimmen aus einer unterschätzten Stadt. Kürzlich schrieb ich dem Blogbetreiber, Elias Schwerdtfeger, mich störe der Untertitel: "Stimmen aus einer unterschätzten Stadt":

"Für mich ist das kein guter Slogan, da er etwas Negatives herausstellt und auch nicht vom dem Selbstbewusstsein zeugt, das Hannover gut zu Gesicht stehen würde. Man muss unbefangene Leser nicht darauf aufmerksam machen, welchen Makel man empfindet. Das führt nur dazu, dass dieser angebliche Makel immer wieder neue Beachtung findet. (…) Hannover hat viel vorzuweisen. (...) Ich würde mich wesentlich wohler fühlen in einer Stadt, die eben nicht schwer an dem Makel 'unterschätzt' zu tragen hat."

Elias Schwerdtfeger stellte meine Anregung, einen besseren Slogan zu finden, zur Diskussion, aber sie wurde sogleich vom Kollegen Frontbumpersticker (FS) abgewürgt u.a. damit:

"Unsere Elite sind Margot Käßmann, Oliver Pocher, Mousse T., Götz von Fromberg und die Scorpions - bonjour Mittelmaß. Hannover ist grün ohne bäuerlich zu sein, mondän ohne zum Großstadtdschungel zu werden, entspannt ohne abzuschlaffen, bescheiden ohne kleingeistig zu sein, zielstrebig ohne zum Streber zu werden. Hannover ist Durchschnitt - und genau deshalb unterschätzt."

Da half auch nicht mein Einwand:

@ FS "Ja, aber, Hannover hat Kurt Schwitters, das allein reicht mir schon. Wenn nicht, dann nenne ich eben noch den Serienmörder Fritz Haarmann. Ich glaube allmählich, Hannover ist eine unterschätzte Stadt, weil ihr es so wollt. Naja, wer sich unterm Schwanz vom Pferd des Königs Ernst August zu verabreden pflegt …"


Beim Mittelmaß vergessen: Heinz Rudolf Kunze, dem ich mal ein Gedicht gewidmet habe, aber nur wegen seiner Sitzbank gegenüber dem Leineschloss. Dagegen kann Hannover noch stolz sein auf Hannah Arendt, die sogar in Hannover-Linden geboren ist, wo auch ich jetzt lebe. Inzwischen aber ist Hannover aus anderen Gründen ganz oben auf, wegen Lena, die nicht besser singen kann als beinah jede Frau, die ich kenne, und Christian Wulff, den das Merkel unglücklicherweise zum Bundespräsidenten gekürt hat. Da hat auch FS offenbar umgedacht, vielmehr ist er von der geballten Hannover-Begeisterung in der Presse umgestimmt worden und listet auf:

Bild: Was ist das Erfolgsgeheimnis von Hannover?
Süddeutsche: Phänomen an der Leine
HAZ: Das "It-Girl" unter den deutschen Städten
FAZ: Der Bär steppt an der Leine
B.Z.: Aufstieg einer Provinzstadt
DPA: Theorie der Woche - "Heimliche Hauptstadt" Hannover
Welt: Interview mit dem Geist von Hannover
Von Twitter trägt er noch Fritz Haarmann nach, weil BILD den Serienmörder in der Liste der Berühmtheiten vergessen hat. Na, denke ich mir, wenn alle jubeln, ist’s keine Kunst. Man muss den Nacktmull schon lieben, bevor ihn jeder als Kuscheltier haben will.

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