Papiere des PentAgrion - 2.4 Der Autor ist verwirrt

Papiere des PentAgrion bd 2
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TT-Musik von: The Bear That Wasn't - Your Huckleberry Friend

Folge 2.1 - Die Macht der Jacke - Folge 2.2 - Von den Socken - Folge 2.3 - Realer Ruch des Blutes

Wer nichts in Monschau zu suchen hat, der sollte nicht die Straße hinab ins enge Rurtal fahren. Im Gegenteil, wer da nichts verloren hat, sollte einen weiten Bogen um dieses Städtchen machen. Hallo? Ich sage, lieber nicht hinunter fahren, aber du sitzt schon auf dem Rad und freust dich, dass es prima rollt? Die Freude wird dir noch vergehen, denn der Ort, in den du hinabsaust, über den habe ich schon mehr Schlechtes gehört als ich dir an einem Abend beim Bier erzählen könnte, auch wenn nur ich spreche und du überhaupt nichts sagst. Aber, du trinkst ja kaum Bier, also haben wir auch nicht bei einem Bier zusammen gesessen, und schon schlägst du meine Warnung in den Wind.

Die Straße, hier oben ist sie noch weit offen, freundlich und bequem, je tiefer du ins Tal kommst, umso steiler und enger wird sie. Und auch der Belag ändert sich, oben Makadam, unten grobes Kopfsteinpflaster. Der kleinste, ja der winzigste und unbedeutendste Schrecken, der dich unten beim ersten Anhalten durchfährt, du wirst denken: Schlimm genug, dass ich jetzt hier in Monschau bin, aber noch schlimmer ist die Vorstellung, diesen elend langen Anstieg über die Pflastersteine wieder hoch zu fahren. Da stehst du wie gelähmt. Von beiden Seiten zwängen dich schiefergedeckte Fachwerkhäuser ein. Hier mussten ja früher nur Eselskarren durch, also hat man nicht mehr Platz gelassen. Ein seltsame Sitte der Monschauer ist: Wer da unten in so einem engen Schamott haust, der darf zum Trost sein Auto mit in die Stadt nehmen und vor seinem Haus parken, aber nur ganz eng an der Wand, versteht sich. Trotzdem kommt man da nur noch im Gänsemarsch vorbei, und wehe, es gibt Gegenverkehr von einem Hund z.B., dann heißt es aber: Mach dich dünn so gut du kannst. Und den Leuten erst komm lieber nicht in die Quere. Die sind hartmaulig. Die können eine Distel quer fressen.

Eine Frage: Was ist eigentlich aus dem Paradies geworden, nachdem Adam und Eva rausgeworfen worden, waren, wurden sind? Ich habe mal einen Stich gesehen, der war, glaube ich von Gustave Doré. Der geniale Doré hat ja fast die ganze bekannte Weltliteratur des 19. Jahrhunderts illustriert, die Bibel, The Raven von Edgar Allan Poe, Don Quijote, Dante Alighieris Göttliche Komödie, John Miltons Paradise Lost, Gargantua und Pantagruel von Rabelais, Balzacs Tolldreiste Geschichten, - und so war auch sein Wahlspruch: „Ich werde alles illustrieren!“ Zeitweilig beschäftigte Doré an die hundert Stahl-, Kupfer- und Holzstecher, die seine Entwürfe in Druckformen umsetzen mussten. Gustave Doré hat garantiert einen stattlichen Engel mit flammenden Schwert und mächtig gerunzelten Brauen stechen lassen. Und vor dem laufen Adam und Eva weg, halbnackt. Sie hält sich nen Fetzen vorn Leib. Der Engel guckt noch, ob sie auch wirklich abhauen, löscht sein Flammenschwert in der Schwertscheide und dann wirft er die Tür zum Paradies von innen zu. Und jetzt? Wird die ganze Prachtanlage abgerissen? Wenn nicht, steht sie unendlich lang leer? Oder sitzen da schon ein paar Mümmelgreise rum und spielen Karten?

Übrigens ein Tipp, wenn du mal nicht so gut drauf bist. Eine wirksame Methode habe ich jüngst herausgefunden. Du machst einfach mal eine ganze Weile Dinge, die verboten sind, außer Morden und Brandschatzen natürlich. Du könntest zum Beispiel mal kiffen, den ganzen Tag nackt herumlaufen, ungesunde Sachen essen oder ein Gedicht auf deine Socken im Wäscheschrank machen und ihnen das Ergebnis laut vortragen, wobei ich jetzt nicht weiß, ob es wirklich verboten ist, den eigenen Socken Gedichte vorzulesen. Deine Stimmung wird sich heben, augenblicklich, spätestens nach dem Sockengedicht. Wenn dann noch draußen ein ordentlicher Regenguss niedergeht und du nicht nass wirst, sondern angenehm erschauernd aus dem Fenster siehst, wie Bäume, Büsche und selbst die elendsten Gräser sich freudig dem Regen entgegenrecken … Ehrlich gesagt, die Gräser halten nicht lange durch. Grad haben sie einen ordentlichen Guss empfangen, legen sie sich auch schon lang.

Mir tut gerade was schrecklich weh. Nein, es ist nichts Organisches. Ich glaube, ich hatte mich in die Postbotin Gina Enport verliebt, aber das Schlimme daran ist, ich habe sie mir vermutlich nur eingebildet. Man kann sich manchmal nicht vertrauen, also sich selbst, meine ich. Die Papiere des PentAgrion habe ich sehr wohl im Internet gefunden. Mir ist klar, dass ich nach dem Geständnis eben nicht gerade der Glaubwürdigste bin. Aber andererseits, du hast die Zitate aus den Papieren gelesen, die ich veröffentlicht habe. Also, dich gibt’s, oder? Auf deinem Bildschirm hat dann auch alles gestanden, du hast es lesen können und kannst es immer noch lesen, wenn du die Seiten aufrufst. Diese Texte habe ich also nicht geträumt, und ausgedacht habe ich sie mir erst recht nicht. Solch komplizierte Sachen passen gar nicht in meinen Kopf rein. PentAgrion gibt es wirklich, nur dass er die Postbotin Gina Enport sein soll, das glaube ich jetzt nicht mehr.

Tut mir leid, wenn ich dich jetzt betrübt habe, aber ich hatte dich darauf hingewiesen, du solltest lieber nicht hinab in das Städtchen Monschau rollen. Es ist übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit dem echten Städtchen Monschau in der Nordeifel. Ich war nur zu durcheinander, mir einen anderen Namen auszudenken.

Uff, das zieht in den Beinen. Ist das schwer, den steilen Berg wieder hoch zu radeln über die hubbeligen Pflastersteine. Wer die wohl alle verlegt hat von den Knien aus? Naja, hier liegt alt neben jung, denn wie man sieht, wurde häufig nachgebessert. Oder auch nicht wie bei dem Schlagloch da vorne. Ich habe mich schon immer gefragt, wieso sich die Steine im Kopfsteinpflaster nicht irgendwann mal so richtig aneinander angleichen, blankgehobelt von hundertausend Paar Füßen. Weißt du, warum das nicht gelingt? Die Menschen haben zu kleine Füße, die rutschen damit immer in die Rillen, und das rundete die Kopfsteine ab, statt sie zu egalisieren. Man müsste also kleinere Steine nehmen, aber das wäre vermutlich zu teuer. Die erste Generation müsste Unsummen aufbringen, ohne selbst was davon zu haben, weil sich die Steine ja höchsten nach zwei bis drei Generationen erbaulich abgeschliffen haben. Wer wollte für seine Urenkel soviel Geld ausgeben, nur damit deren Füße mal von glatten Steinen geschmeichelt würden. Es weiß doch kaum einer, ob er einmal Urenkel haben wird. Und für fremder Leute Urenkel muss man nun wirklich kein Geld ausgeben. Das ganze ließe sich also nur über deutlich größere Füße glätten. So Schuhgröße 84, das würde wohl reichen. Vielleicht bringt die Evolution ja mal solche Leute hervor, die quasi mit ihren großen Füßen für ihre Urenkel abstimmen.

Ich gebe zu, dass ich Quatsch erzählt habe. Aber es geschah zu deinem Nutzen, denn ich wollte dich von dem anstrengenden Anstieg ablenken. Wenn du nämlich glücklich wieder oben bist, erinnerst du dich kaum noch daran, wie weh es unterwegs getan hat, sondern nur an die Sache mit den Pflastersteinenurenkeln.

Folge 2.5: Planet der Postboten
2490 mal gelesen

Langweiliges Paradies - aus der Serie: Kopfkino

Angenommen, wir beide wären Außerirdische, du und ich. Wir kämen zufällig an der Erde vorbei und würden uns sagen, wir wollen mal gucken, was da so alles passiert. Zuerst würden wir aus dem Orbit im Internet stöbern, und dann, um uns mit der Weltbevölkerung bekannt zu machen, lassen wir uns eine E-Mail-Adresse geben. Das erste, was in unserer Raumkapsel eintrudelt, ist die liebenswerte Begrüßungsmail des E-Mail-Anbieters, und direkt darauf kommt diese Mail:

Interssant für Außerirdische

„Kostenloses Girokonto: Mit Zufriedenheitsgarantie + 30,- Euro Media Markt-Gutschein!“
Manometer, wie wir Außerirdische zu sagen pflegen, Manometer, kostenlose Zufriedenheitsgarantie und auch noch ein geldwerter Gutschein! - Auf der Erde geht es ja nahezu paradiesisch zu. Beneidenswert, diese Menschen. Aber das reicht uns auch schon, und wir kehren der Erde den Rücken. Solche Paradiese sind doch meistens öde, findest du ja auch.
1277 mal gelesen

DADA 2.0 - Gastautor Merzmensch liest Intimacy

Auf das Wort „Mensch“ reimt sich im Deutschen kein anderes Wort. Sie werden schon wissen warum. Merz hingegen ist nicht mal ein allgemein bekanntes deutsches Wort, sondern nur die letzte Silbe von Commerz. Der Dadaist Kurt Schwitters hat sie sich aus dem Namen der Commerzbank angeeignet und die hannoversche Spielart des Dadaismus so benannt. Nach der Merz-Kunst des genialen Dadaisten Kurt Schwitters hat sich der wunderbare Dada-lebt-Aktivist Merzmensch genannt, womit er die Merzkunst an den Menschen geleimt hat. Merzmensch ist Kunstwissenschaftler und Künstler zugleich und schon lange Zeit ein Blogfreund des Teppichhauses.

Hier sein inspirierender Vortrag in der Reihe der Teppichhaus-Gastautoren, von ihm selbst angekündigt: "Merzmensch liest sein eigenes Gedicht, das er selbst geschrieben hat."

Viel Vergnügen,
Trithemius

Intimacy
von MERZMENSCH




Blog: Dadaistisches und Dadaloses
Abgelegt unter: Gastautoren
2355 mal gelesen

Vor dem Spiel und nach dem Spiel

In einem Land, da wird man heute weinen,
da werden Köpfe hängen und die Tränen rinnen
am besten heulen können, sollt’ man meinen
die Mamasöhnchen von den Argentinierinnen.

Die deutschen Fußballfans sind eher simpel,
durch Merkel und Herrn Westerwelle schon gestählt.
Der Deutsche schwingt noch als Verlierer Deutschlandwimpel,
Er hat das Elend nämlich selbst gewählt.

In einem Land, da wird man heute grölen.
Besoffen sich zum Korso in die Autos setzen.
Derweil die andren heftig über ihren Trainer nölen,
und sich vor lauter Frust das Maul zerfetzen.

Und auf der VIP-Tribüne stehen dunkle Herren.
Sie haben diese Schicksalsspiele ausgerichtet.
Indessen rundum blöde Vuvuzelas nervend plärren
Wird nicht nur Hoffnung, auch Verstand vernichtet.

Die Herren aber sind in jedem Fall Gewinner,
Sie haben wieder reichlich Geld im Sack
und freuen sich auf Edelnutten nach dem Dinner.
Was kümmert sie das heulende Verliererpack.

Abgelegt unter: Zirkus des schlechten Geschmacks
1417 mal gelesen

Anbetung der Regenrinne - Ethnologie des Alltags

Als die 38-jährige Krankenschwester Alex Cotton aus Coventry (England) vom Fußballabend mit Freunden zurückkam, traf sie beinahe der Schlag. Am unteren Ende der hauseigenen Regenrinne war ihr still und heimlich Jesus erschienen. Ergriffen zeigte sie den etwa zehn Zentimeter langen Rostfleck-Jesus ihren Freunden Graham Morriss (33) und Alan Downer (40), worauf die auch nur noch eines sagen konnten, nämlich: „Wow!“

Rostfleck Jesus

Wann Jesus in das Regenrohr hineingefahren war, lässt sich nicht klären. Man muss auf allen Vieren kriechen, um ihn zu entdecken, was eine verantwortungsvolle Krankenschwester nicht alle Tage tut. An diesem Abend hat sie sich aber betrinken müssen, weil der diabolische Schiedsrichter den Engländern im WM-Spiel gegen Deutschland ein reguläres Tor verweigerte. Deutschland-England 4:1! Da hat sich nicht nur Alex Cotton (38) verzweifelt gefragt: „Wo, um Himmels Willen, war Gott?!“ Gott war eingerostet - auf ihrem Regenrohr.

Nicht alle erkennen das Mirakel. Für Krankenschwester Alex Cotton ist es eine Frage des Glaubens. Sie selbst sieht deutlich: Jesus, seinen Bart und den Dornenkranz. Daher hat sie beschlossen, Papst Benedikt einzuladen. Wenn er im kommenden September England besucht, soll er das Regenrohr bewundern und einsegnen. Der allmächtige Gott kann den Menschen selbstverständlich erscheinen wie und wo er will. Deshalb warnt „de redactie“ des belgischen VRT: „Sag nie so einfach ‚Rostfleck’ zu Jesus!“

Nachtrag: Im vergangenen Winter, als niemand daran glauben wollte, meldete „de redactie“, ein piepskleines englisches Wetterinstitut hätte einen brüllend heißen Sommer vorausgesagt. Und was ist? Draußen torkeln sie unter einer gnadenlosen Sonne oder sinken dehydriert in Hauseingänge. Da ist völlig klar, was der Rost-Jesus im Regenrohr uns sagen will: „Himmel sakra, der Sommer wird heiß, und manchmal kommt Regen!“

2474 mal gelesen

Virtueller Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim

trithemius & Frau Nettesheim

Frau Nettesheim
Wenn Sie sich mal nicht in den Keller schreiben mit dem PentAgrion-Projekt.

Trithemius
Fallen Sie mir etwa in den Rücken?

Frau Nettesheim
Ganz und gar nicht. Aber ich fürchte, Sie verschrecken Ihre Leser, wenn Sie aus der Rolle fallen wie im 3. Kapitel.
Trithemius
Ich habe nur thematisiert, dass im Internet der Ich-Erzähler und der Autor sich unentwirrbar vermischen. Im gedruckten Buch ist der Unterschied klar: Hier der Autor, da sein Ich-Erzähler. Im Blog scheint diese Trennung aufgehoben zu sein. Autor und Icherzähler tauschen beliebig ihre Rollen.

Frau Nettesheim
Das ginge auch im gedruckten Buch, wenn der Autor es darauf anlegt.

Trithemius
Ja, aber hier geschieht es absichtslos. Selbst wenn die Trennung klar ist, spätestens in den Kommentaren scheint der Ich-Erzähler sich zu äußern.

Frau Nettesheim
Das haben Sie sich selbst eingebrockt, weil Sie zwei Namen verwenden,
mal als van der Ley auftreten, mal als Trithemius.

Trithemius
Und manchmal sogar als Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Laufen Sie etwa in meiner Abwesenheit in Frauenkleidern herum?

Trithemius
Das brauche ich doch gar nicht, Frau Nettesheim. Hier ist alles virtuell. Theoretisch könnte sogar die ganze Plattform ein Fake sein. Man hat den Stil und den Wortschatz verschiedener Menschen analysiert, Blogidentitäten erzeugt, und ein Zufallsgenerator bestimmt, wann diese Identitäten aktiv werden. Dann erzeugt ein anderes Programm aus Textbausteinen neue Blogeinträge oder Kommentare.

Frau Nettesheim
Ach ja? Sie unterhalten sich mit virtuellen Personen, deren Äußerungen von einem Textautomaten kommen, derweil Sie eigentlich etwas anderes machen müssten, mal wieder abwaschen und Ihre Wohnung aufräumen?

Trithemius
Nö, wenn alles nur eine Computerillusion ist, dann wären Sie und ich ja auch nur Produkte dieses automatischen Schreibens. Und während wir uns scheinbar unterhalten, stehe ich in Wahrheit in der Küche und wasche ab.

Frau Nettesheim
Dann sind Sie schon eher ein Seehund und balancieren einen bunten Ball
auf der Schnauze
.

1707 mal gelesen

Papiere des PentAgrion - 2.3 Realer Ruch des Blutes

Papiere des PentAgrion bd 2
Folge 2.1 - Die Macht der Jacke - Folge 2.2 - Von den Socken

Manchmal, so gegen Morgen, träume ich konzeptionelle Träume. Die nenne ich so, weil sie nicht von deutlichen Bildern begleitet sind, sondern sprachlichen Ideen folgen. Der von heute Morgen ging so:
Einer verwandelt sich in ein Tier, dann in ein größeres, angsteinflößendes Untier, dann in ein riesiges, hässliches Ungeheuer, vor dem alle flüchten, und als er sich wieder zurückverwandeln will in den Menschen, der er einmal war, da hat er nicht mehr in sich reingepasst und musste ein Ungeheuer bleiben.
Bei solchen Träumen habe ich das Gefühl, schon wach zu sein, sacke dann aber mehrmals noch weg, bis ich endlich die Füße auf die Dielen stelle, den rechten zuerst, und mich aufrichte. Meistens flüchten die Träume, wenn ich Fuß gefasst habe in meiner Welt. Dann bin ich ziemlich sicher, nicht mehr zu träumen. Denn alles um mich herum ist noch wie am Tag zuvor. Warum, frage ich mich, kann ich beim Erwachen nicht jemand anders sein? Ein Seehund zum Beispiel, der einen bunten Ball auf seiner Schnauze balanciert. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstliche Fische zu. Dann freilich wüsste ich nicht, dass ich nicht immer ein Seehund gewesen bin. Theroetisch könnte ich also an jedem Morgen jemand anders sein und würde nur glauben, es wäre die Existenz vom Tag zuvor.

Es steht nicht in meiner Macht, einer der Rollen zu entkommen, die mir der kosmische Lenker zugedacht hat. Er ist kein Gott. Mich hat kein Gott gemacht, aber er agiert wie ein Gott, kann mich umher schicken, kann mir Ereignisse vor die Füße werfen, mir Probleme aufladen, kann mich Dinge hören und lesen lassen, mir hübsche oder unerfreuliche Begegnungen antun, er steuert meine Träume, meine Gedanken und meine Worte, ganz wie er lustig ist. Und ist er einmal unlustig, kann er mich nach Belieben vernichten.

Das Wort Autor ist dem lat. auctor entlehnt. Es bedeutet „Urheber“, „Schöpfer“, „Förderer“, „Veranlasser“. Meinen Schöpfer nenne ich JvdL, denn ich weiß nicht, wie der Name tönt. Auch die Hebräer schreiben den Namen ihres Gottes JHWH nur mit Konsonanten י ה ו ה, weil sie nicht wissen, wie er ausgesprochen wird. Ich bin nicht sicher, ob JvdL der wahre Name meines Schöpfers ist.

SCHNAUZE, TRITHEMIUS!

Er nennt mich Trithemius und hat mir die Rolle des Ich-Erzählers in seinem Roman zugeschrieben. Dieser Roman ist ein wahres Tollhaus. Seine Räume, Gänge und Flure sind ein sich ständig erweiterndes Labyrinth. Es fällt mir schwer, mich darin zu orientieren. Manchmal erweckt mein Schöpfer den Anschein, er wäre ich, und manchmal räche ich mich für diesen Übergriff und nehme seine Identität an. Dann habe ich plötzlich den Außenblick auf meine Welt und kann Sachverhalte und Beziehungen überblicken, die mir sonst verborgen sind.

Das ist Unsinn, mit Verlaub. Ich bitte um Entschuldigung für die verwirrende Passage. Eine Erzählfigur kann nicht einfach aus dem Kontext der Erzählung heraustreten und Spekulationen über die erzählte Welt und ihren Urheber anstellen. Nie und nimmer.

Ach ja? Ebenso wenig kann ein Urheber mit den Subjekten seiner Schöpfung disputieren. Beide gehören verschiedenen Dimensionen an, und zwischen der unteren und oberen Ebene gibt es keine Verbindung, die eine wechselseitige Kommunikation ermöglicht. Selbst wenn ich sage: „Du, mein Schöpfer, kannst mich mal! Deine Welt nervt mich. Da ist einfach nicht genug Ordnung, mein HErr!“, dann ist mir das nur möglich, wenn du deine eigene Schmach veröffentlichst. Es ist nicht anders als in deiner Welt, die du Realität zu nennen beliebst. Der dich gemacht hat, schreibt dich, und schreibt er dir ein ödes Leben an den Hals, dann kannst du auf den Knien rutschen, ihm Rauchopfer darbieten, ihm Dome bauen, kannst dir eine Kaffeemütze auf den Kopf setzen und deinen Mitmenschen erzählen, du hättest Gottes Ohr und könntest ihm was einflüstern; du weißt, du bist ein Betrüger, eitler Diener eines faulen Zaubers.

Verzeihung, ich muss mich sammeln. Habe ich mir die Begegnung mit Gina Enport nur eingebildet? Wäre das möglich? Die beiden Radfahrer, von denen ich dachte, sie hätten ihr die Vorfahrt genommen, vielleicht war da niemand, dem der Nerd auf dem Fahrrad die Vorfahrt hätte überlassen können. Vielleicht habe ich ihn völlig zu Unrecht angepflaumt. Aber auch der Mann aus Springe hat die Enport gesehen, wie sie sich im roten Bikini auf der Sitzbank geräkelt hat. Ihn könnte ich fragen, wenn ich gescheit genug gewesen wäre, mir seinen Namen zu merken. Oder hat er ihn gar nicht gesagt? Ich könnte nach Springe fahren und beispielsweise in der Fleischerei fragen nach einem Mann Anfang 60 mit zwei Enkelkindern, der im Spielmannszug trommelt und eine Ehrenkarte vom Saupark besitzt. Diese Angaben müssten reichen. Freilich halte ich immer die Luft an, wenn ich an Fleischereien vorbeikomme, weil ich den Ruch des Blutes nicht ertrage. Das wiederum beweist, dass ich ein fühlender Mensch bin und keine Fiktion.

Folge 2.4: Der Autor ist verwirrt
1857 mal gelesen

Jürgen Klopp und Günther Jauch vor leeren Stühlen

Gut anderthalb Jahre kaufe ich am Kiosk bei mir an der Ecke. Der Kioskbetreiber ist zwar ein höflicher, aber außerordentlich sparsamer Mensch. Außer: "Hallo!", "Bitteschön", "Ein Euro" (Flasche Bier), "Fünfeuroachtzig" (Tabak und Blättchen), "Dankeschön", "Tschüss!" spricht er nichts. Anfänglich habe ich versucht, ihm etwas mehr zu entlocken, habe etwa launige Bemerkungen übers Wetter gemacht, aber war nie besonders originell, denn den Mann umgibt die Aura von kommunikativem Unvermögen. Diese Aura lähmt auch mein Sprachzentrum. Mit der Nachsprechpuppe "Klein-Plapperle" könnte ich mich besser unterhalten als mit dem Kioskmann. Daher wollte ich ihn gestern Abend nicht sehen.

trinkhalle
Die Dämmerung fiel herab, als ich zum übernächsten Kiosk bummelte. Aber sie fiel mir nicht auf den Kopf. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Mit der Dämmerung endete der längste Tag dieses Jahres, und von heute an schwinden die Tage wieder. Man hat es gar nicht so richtig mitbekommen. Zumindest ich fühle mich ein bisschen betrogen, als wäre das Anwachsen der Tage dem Merkelschen Sparpaket zum Opfer gefallen. Die Luft war wider erwarten recht lau. Trotzdem waren die Stühle und Tische vor und in den Kneipen leer. Auf den allerorten aufgestellten TV-Geräten analysierten Günther Jauch und Jürgen Klopp ein Fußballspiel, und keiner hörte zu. Eigentlich hatte ich Lust, irgendwo ein Bier zu trinken, aber Kneipen, in denen nur zwei Figuren an der Theke hocken und von Jauch und Klopp zugedröhnt werden, sind noch abschreckender als ein Kioskmann, der jahrelang nur fünf verschiedene Wörter herausbringt.

Das war auf der sonst so belebten Limmerstraße in Hannover-Linden nicht anders, eher schlimmer, denn hier waren die TV-Schirme größer, und manche Lokale hatten sogar zwei, einen drinnen, einen draußen. Jauch und Klopps Stimmen hallten gar unheimlich auf die leere Straße hinaus. Jauch nannte Klopp einen hochbezahlten Experten, worauf Klopp abwiegelte, von "hochbezahlt" könne nicht die Rede sein. Diesem Understatement sind wohl auch die leeren Lokale geschuldet. Die Leute geben vor, sie hätten kein Geld. In Wahrheit fahren sie im 7er-BMW zwei bis vier Deutschlandfähnchen spazieren oder hoppen in Südafrika von Stadion zu Stadion, sind mal rasch zum Segeln bei einer Regatta rund um die Isle of Wight, zum Mittsommernacht-Golfen nach Schweden geflogen oder sahnen sogar die megafetten Tageshonorare ab, wenn sie abends eine Riesenausbeute leerer Flaschen zu Rewe bringen, weshalb Rewe eigens bis 22 Uhr geöffnet halten muss.

Abgelegt unter: Abendbummel online
3329 mal gelesen

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